Interview mit Geschäftsführer Dr. Wilfried Wessner
Seit einigen Jahren macht die Runde, dass Linux auch und gerade für die Industrie eine sehr gute Lösung für ihre digitale Transformation sein kann. Linutronix hat das bereits vor 20 Jahren erkannt. Mit IGLOS bietet das Haus nun auch eine standardisierte Plattform an, mit der mehr als Automatisierung möglich ist. Das hat Linutronix auch in die Marktübersicht Smart Automation geführt.
Ulrich Sendler: Herr Dr. Wessner, als Linutronix vor zwanzig Jahren zur Linux-Gemeinde stieß, war das offene Betriebssystem gerade erst dabei, in der IT Furore zu machen. In der Industrie gab es – nicht nur wegen der noch fehlenden Echtzeit-Möglichkeiten – kaum Ideen für erste Anwendungen. Aber Ihr Unternehmen hat Linux gerade im Umfeld der industriellen Embedded Software gesehen?
Dr. Wilfried Wessner: In der Tat waren wir eines der ersten Unternehmen, die das enorme Potenzial von Linux in der Industrie gesehen haben. Und da Echtzeit für sehr viele industrielle Anwendungen ein absolutes Muss darstellt, haben wir uns führend an der Entwicklung von Real-Time Linux beteiligt. Namentlich Thomas Gleixner, der mit Heinz Egger unser Unternehmen 2006 gegründet hat.
Dr. Wilfried Wessner, Geschäftsführer Linutronix (Foto Linutronix)
Sendler: Thomas Gleixner gehört sozusagen zum Kernteam der Open Source Gemeinde, die den Real-Time Linux Kernel entwickelt. Bei heise online hieß es Ende 2024 unter dem Titel „Nach 20 Jahren mühevoller Arbeit: Linux-Kernel jetzt Echtzeit-tauglich“: „Gleixner von der deutschen Firma Linutronix ist die Haupttriebkraft hinter dem Real-Time-Support für den Standard-Kernel.“
Seit Ende letzten Jahres sind Gleixner und Egger aus dem operativen Geschäft bei Linutronix in einen beratenden Status gewechselt. Und Sie wurden vom F&E-Chef zum Geschäftsführer. Wo steht Linutronix heute?
Wessner: Inzwischen haben wir 35 Mitarbeiter, von denen rund ein Drittel weiterhin an der Linux-Entwicklung mitwirkt. Aber daneben sind wir zu einem wichtigen Dienstleister für die Industrie geworden, wenn es um die Entwicklung von Real-Time Linux-Anwendungen geht. Und wir haben unter der Marke IGLOS auf Real-Time Linux eine standardisierte Plattform gesetzt, auf der jeder seine eigenen Apps entwickeln und sicher ausführen kann.
Sendler: Damit ist Linutronix jetzt einer der Anbieter offener, Linux-basierter Plattformen in der Marktübersicht Smart Automation. Wie unterscheidet sich IGLOS von den anderen Plattformen?
Wessner: Ich will es vorsichtig formulieren, aber wir sind stolz darauf, dass mehrere der in der Marktübersicht versammelten Anbieter ihre Plattform auf unsere Arbeit aufgebaut haben. Wir sehen uns ein wenig als das Original. Der Fokus liegt bei uns ganz klar darauf, das technisch solide, robuste und sichere Fundament zu entwickeln.
Sendler: Warum weiß der Markt nichts davon?
Wessner: Weil die meisten unserer Kunden bislang sehr, sehr zurückhaltend mit Informationen über die Grundlagen ihrer Linux-Entwicklungen sind. Man könnte auch sagen, dass Technologieentwicklung nicht so sexy ist, erst das Produkt macht es dann attraktiv. Industriesoftware auf Linux ist aber offensichtlich ein Wettbewerbsvorteil, den niemand zu früh preisgeben will. Erst kürzlich haben einige unserer Kunden eingewilligt, sie als Referenzen aufzuführen und die Linux Foundation hat aufgerufen Real-Time Linux Anwendungen aufzulisten. Da findet hoffentlich ein nachhaltiger Wandel und ein Umdenken statt.
Sendler: Was sind die Anwendungsfelder, auf die Sie den Fokus legen?
Wessner: Prinzipiell kann das natürlich alles sein. Aber wir sehen einen besonderen Bedarf beim Thema vernetzte Geräte und Systeme. Software für eine Steuerung zu entwickeln, also so etwas wie das Ur-Thema der Automatisierung, dafür haben viele Unternehmen ihre eigenen Kapazitäten. Aber wenn es darum geht, Anlagen wie etwa einen Windpark oder eine andere Art der Energieversorgung intelligent zu vernetzen, Stichwort Cloud oder Edge auch in Verbindung mit echtzeitfähigen Netzwerken – da ist unsere Unterstützung sehr gefragt. Also das, was gemeinhin unter Internet der Dinge zusammengefasst wird. Und dann natürlich das Thema Sicherheit.
Sendler: Spielen Sie damit auf den Cyber Resilience Act (CRA) an?
Wessner: Der CRA ist nur ein Beispiel von einer ganzen Reihe von Regularien, die die Industrie schon sehr bald zwingen werden, sehr konkret und genau angeben zu können, wie Maschinen, Anlagen, Roboter und andere Hardware gegen Cyber-Kriminalität geschützt und für automatische Updates gerüstet sind. Hier sehen wir eine unserer großen Stärken. Wir sind vom TÜV Süd nach IEC 62443 zertifiziert und können unseren Kunden damit Sicherheit für ihre eigenen, auf unserer geprüften Plattform laufenden Apps garantieren.
Sendler: Wohin geht die Entwicklung bei Linutronix? Welche Rolle wird in Zukunft die Plattform und welche die Dienstleistung spielen?
Wessner: Unser Wunsch und Streben ist natürlich, schon bald etwa die Hälfte unseres Geschäfts mit IGLOS zu machen. Derzeit steht die Dienstleistung aber noch sehr stark im Vordergrund.
Beides, Plattform und Beratung, ist geeignet, das Risiko der Industriekunden zu minimieren. Wir wollen immer mehr davon über die standardisierte Plattform bieten.
Sendler: Gegenwärtig scheint die Industrie in der Breite immer noch nicht auf Linux zu setzen. Wie kommt es, dass weiterhin so viele die proprietären OT-Lösungen ihrer Hardwarelieferanten nutzen?
Wessner: Ich glaube, es liegt – neben der Bremse der Gewohnheit – auch daran, dass die Geschäftsführungsebene sich noch nicht genügend mit diesen Fragen beschäftigt, sondern dies den Technik-Experten im Haus überlässt. Wenn mich nicht alles täuscht, ändert sich das aber allmählich. Wir wollen mit unserer Arbeit dazu beitragen.