Prof. August-Wilhelm Scheer, einer der Väter der ersten Welle der Industrie-Digitalisierung, gab dem großen Schlagwort CIM für Computer Integrated Manufacturing mit seinem berühmten Y der Prozessintegration ein Symbol. Jetzt ist unter den Fittichen seiner Scheer Holding ein junges Team dabei, die Industrie bei der nächsten Welle der Digitalisierung zu unterstützen. Scheer PAS – PAS steht für Process Automation & Integration Platform – bietet Low-code und Kubernetes-Clustermanagement in Bereichen, in die sich noch nicht viele trauen. Ein Gespräch mit dem Leiter für Produktmanagement und Marketing, Sharam Dadashnia.

Sharam Dadashnia ist bei Scheer PAS Leiter Produktmanagement und Marketing (Foto Sharam Dadashnia)

Ulrich Sendler: Sharam Dadshnia, was ist das Neue, das Scheer PAS der Industrie in Sachen Digitalisierung bietet?

Sharam Dadashnia: Das Neue ist unsere Plattform, mit der wir den Einstieg und die Nutzung von Web-Technologie in den industriellen Prozessen auf Basis offener Standards wie Kubernetes kalkulierbar und kurzfristig realisierbar machen. Es ist ein neuer Weg, die eigene Softwareentwicklung so schnell und flexibel zu machen, wie es von der Inustrie jetzt verlangt wird. Bei optimierter Nutzung der vorhandenen heterogenen IT-Landschaften. Es ist eine Tür zu den viel beschworenen IoT-Lösungen, die mit bisherigen Technologien für die meisten Unternehmen nicht zu stemmen sind. Application Composition oder Zusammensetzung von unterschiedlichsten Anwendungen ist unser Thema.

Ulrich Sendler: Wenn Sie von Plattform sprechen, meinen Sie aber nicht eine Hard-oder Softwareumgebung, auf der jetzt alles beim Kunden laufen soll?

Sharam Dadashnia: Eben nicht. Im Gegenteil. Web-based Container Apps unterscheiden sich von herkömmlicher monolithischer Software dadurch, dass sie in ihren Kapseln alles mitbringen, was sie zu ihrer Lauffähigkeit benötigen, vom Engine über die Daten bis zu Service-Bibliotheken.

Das macht sie sehr leicht portabel. Und steigert ihre Ausfallsicherheit. Wenn eine App abstürzt, ist die gesamte Umgebung davon nicht betroffen. Wenn eine App ein Update benötigt, merkt der Anwender davon gar nichts, weil das Update im Hintergrund läuft. Interessant wird es aber erst, wenn ganze Cluster von Apps orchestriert zusammenwirken und miteinander oder auch mit Legacy Software Daten austauschen.

Von der monolithischen Architektur zu Composable Applications im Cluster. (Bild Gartner)

Ulrich Sendler: Was sind die Gründe dafür, dass die Web-Technologie derzeit solche Aufmerksamkeit erhält?

Sharam Dadashnia: Die Industrie ist an einem Wendepunkt. Software spielt fast überall die Hauptrolle in der Innovation: im Produkt, in den Prozessen, in den Geschäften und Geschäftsbeziehungen. Ständig kommen neue Anforderungen von Mitarbeitern, Kunden und Partnern, die schnell neue Softwarelösungen erfordern und mit der vorhandenen IT entweder gar nicht oder nur mit so großem Aufwand zu erreichen sind, dass es zu lange dauert. Mit Web-Technologie geht das viel schneller und einfacher. Und jede dieser Apps ist sehr leicht wiederverwendbar. Die Kapselung von Bausteinen durch Web-Technologie bringt ganz neue Möglichkeiten auch für den Re-Use von Software.

Ulrich Sendler: Woran liegt das?

Sharam Dadashnia: Eben an ihrer Kapselung. Stellen Sie sich einen Schwarm von Vögeln oder Fischen vor. Irgendetwas bringt sie dazu, ihre Richtung zu ändern. Der ganze Schwarm macht das in Sekunden. Ein Flugzeug oder ein großes Schiff braucht im Vergleich dazu enorm viel Zeit, um eine Richtungsänderung umzusetzen. Container verhalten sich eher wie Vögel und Fische.

Ulrich Sendler: Was sind die Kernelemente Ihrer Plattform?

Sharam Dadashnia: Die Basis sind Cloud-Container in all ihren Formen und die Web-Technologie selbst. Dafür bietet unsere Plattform Unterstützung bei Applikationsentwicklung, Prozessautomatisierung und Integration. Und in allen Schritten hilft unser eigenes Low-code Tool, indem es die Realisierung sehr stark vereinfacht. Einschließlich Anpassung, Erweiterung und Neuentwicklung. Wir waren damit einer der ersten Anbieter, lange bevor ein regelrechter Low-code Hype die ganze IT-Welt erfasste.

Die Kernelemente der Scheer PAS Plattform (Bild Scheer PAS)

Ulrich Sendler: In der Welt der Hyperscaler wie Google – von dort kam Kubernetes – oder AWS und Microsoft ist diese Technologie schon seit zehn Jahren Stand der Technik. Warum kommt das erst jetzt in die Industrie?

Sharam Dadashnia: Wir kommen bei Scheer aus der Prozessintegration. Das ist schon in der IT-Welt eine komplexe Aufgabe, obwohl wir da „nur“ über die Verbindung von einer überschauberen Zahl von Softwaresystemen sprechen. In der Industrie, speziell in der Produktionshalle mit ihren Tausenden Geräten, Apparaten, Anlagen und Maschinen ist es noch einmal um Faktoren komplexer. Jetzt müssen Daten aus all diesen Dingen genutzt werden, von denen ursprünglich niemand gedacht hat, dass sie einmal Teil einer IT-Landschaft sein würden, und dass es auf ihre Daten ankommt. Deshalb arbeiten wir hier auch sehr gezielt mit Firmen wie Rittal und German Edge Cloud zusammen. Unser Know-how aus der Softwareentwicklung und deren Expertise in der Industrie-Automatisierung machen Container-Technologie nun zu einer Lösung, die in der Industrie praktikabel ist.