Ein Gespräch mit Raffaello Lepratti, Mendix

Die Low-Code Plattform Mendix wurde im Herbst 2018 von Siemens übernommen. Die wichtigsten Mendix-Anwendungen waren bis dahin nicht in der Fertigungsindustrie, sondern im Finanzsektor, in den Versicherungen, in Retail und anderen Bereichen zu finden. Seitdem hat sich viel getan. Verantwortlich dafür ist jetzt der Global Vice President Industrial Manufacturing Cloud, Raffaello Lepratti, mit Sitz in Berlin. Nach 17 Jahren Siemens AG und zuletzt Siemens Digital Industries Software wechselte er 2021 zum Siemens-Bereich von Mendix. Ich hatte die Gelegenheit zu einem ausführlichen Gespräch.

Raffaello Lepratti, Global Vice President Industrial Manufacturing Cloud (Foto Mendix)

Ulrich Sendler: Herr Lepratti, was hat Sie gereizt, von Siemens zu Mendix zu wechseln?

Raffaello Lepratti: Die Low-Code Plattform ist eine andere, sehr reizvolle Welt. Siemens hat damit zum ersten Mal eine Akquisition getätigt, die sich in vielseitiger Art und Weise in die Welt der bisherigen Industriesoftware eingliedern lässt. Mendix bietet enorme Möglichkeiten, sowohl als Applikationsentwicklungsplattform auch als in Ergänzung und als Brückentechnologie, weil es eine eben andere Technologie ist als die bisherige Industriesoftware. Mendix bietet eine Dynamik und Flexibilität, die mit den gewachsenen Systemen nicht vergleichbar sind. Umgekehrt öffnet uns Siemens als weltweit erfahrener und erfolgreicher Go-to Market Partner dieser Technologie die ganze Welt der Industrie, die Mendix allein wohl nicht erreicht hätte. Low-Code und Cloud-Nutzung in der Industrie voranzutreiben, ist eine spannende Aufgabe.

Ulrich Sendler: Was ist denn mit Mendix anders als mit einer herkömmlichen Industriesoftware?

Raffaello Lepratti: Mendix ist nicht auf irgendein Anwendungsgebiet beschränkt. Es ist eine domänenübergreifende Technologie, keine Ergänzung der IT-Unterstützung für einen bestimmten Prozess oder eine Personengruppe. Deshalb kann damit der Zugriff auf Daten unterschiedlicher Prozesse und Fachbereiche für Anwender möglich gemacht werden, die anhand domänenspezifischer Systeme ihre Aufgaben zielorientierter erledigen können oder wollen. Und gerade die disziplinübergreifende Zusammenarbeit wird seit einigen Jahren in der gesamten Industrie zu einem Thema mit hoher Priorität. Ein weiterer grundsätzlicher Unterschied: Mit Mendix steht die schnelle Lösung für ein konkretes Problem im Vordergrund. Nicht die Einordnung einer neuen Software in die bestehende Unternehmens-IT-Landschaft. Wir reden zunehmend mit den Verantwortlichen für bestimmte Geschäftsprozesse und nicht nur mit der Corporate IT. Der dritte Unterschied: Die Technologie ist einfach zu bedienen und benötigt wenig Vorkenntnisse, so dass sie nicht nur für die großen Konzerne interessant ist, sondern genauso für sehr kleine und mittlere Unternehmen.

Ulrich Sendler: Ich hatte in den letzten Jahren den Eindruck, dass die Nutzung von Mendix in der Fertigungsindustrie nicht vorankommt. Welchen Anteil hat diese Nutzung derzeit an der Gesamtanwendung?

Raffaello Lepratti: Wir sehen einen exponentiellen Trend für die Industrieanwendung. Anfangs hat es noch an gewissen Vorarbeiten gefehlt, die für den Einsatz in der Industrie unverzichtbar sind, wie z.B. sogenannte adaptierbare Templates, die die Implementierung von Mendix in bestimmte Prozesse erleichtern . Inzwischen haben wir eine Vielfalt solcher Templates zusammen mit Industrie-spezifischen App-Services und einem beachtlichen Satz an Konnektoren zu diversen Systemen auf unserem Marketplace (Bild Mendix) verfügbar. Damit hat sich die Entwicklung sehr schnell grundlegend geändert.

Ulrich Sendler: Exponentielles Geschäftswachstum in der Industrie, das geht sicher nicht allein mit dem großen Kunden Siemens, oder doch?

Raffaello Lepratti: Nein, auf keinen Fall. Die vielen Siemens-Fabriken sind eine ergiebige Quelle für Ideen und Methoden, aus der wir sehr intensiv schöpfen. Wir können neue Apps und Konnektoren gewissermaßen im eigenen Haus auch testen und erproben, bevor wir sie der Gesamtindustrie anbieten. So entstehen Templates und Solutions erst einmal firmenspezifisch zum Beispiel bei Siemens, und dann machen wir aus den relevantesten branchenspezifische oder industrieübergreifende Angebote. Das wissen unsere Kunden zu schätzen. Sie können damit von den Erfahrungen des Industrieunternehmens Siemens profitieren. Und ja, es gibt inzwischen sehr viele Kunden in sehr vielen Branchen, auf deren Aktivitäten der erwähnte exponentielle Trend zurückzuführen ist. Dafür lohnt sich ein Blick auf die Beispiele Case New Holland Industrial, Kaneka, Continental oder Mitsubishi.

Ulrich Sendler: Nach der Akquisition konnte man zunächst den Eindruck gewinnen, dass Mendix und Siemens Digital Industries Software nicht zusammen passen. Wie sieht das heute aus?

Raffaello Lepratti: Siemens hat für die unmittelbare Kundenansprache eine Stelle, die wir Account Orchestrator nennen. Der oder die Betreffende kennt den Kunden und dessen Prozesse in all seinen Facetten und kann schnell beurteilen, ob eine Anforderung in Richtung einer Funktionalität einer installierten Standardsoftware geht, und ruft dann die jeweiligen Spezialisten hinzu. Wird aber eher eine Herausforderung erkannt, die im nötigen Tempo der Freischaltung und mit dem Zugriff auf bestimmte Daten ein Mendix-Thema ist, dann werden unsere Spezialisten hinzugezogen. Auch wenn es um die Demokratisierung von Daten aus Siemens-Tools wie Teamcenter oder der Manufacturing Operations Management (MOM) Lösung Opcenter geht. Beide Angebotsspektren ergänzen sich sehr gut und stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Meine Aufgabe ist es, die beiden Welten miteinander zu verzahnen und Brücken zu bauen.

Ulrich Sendler: Sie sprachen von Konnektoren. Wie viele gibt es? Und existieren sie auch für Software von Drittanbietern?

Raffaello Lepratti: Es gibt schon sehr viele, aber wir sehen unseren Erfolg hier nicht unter dem Gesichtspunkt der Quantität, sondern der Qualität. Auch unter Nachhalitgkeitskriterien ist es nicht mehr zeitgemäß, Software zu entwickeln, die nicht oder nur sehr selten benötigt wird. Die Siemens-Tools haben dabei Priorität, aber selbstverständlich gibt es auch Konnektoren für Software, die nicht von Siemens kommt. Oft werden von den Kunden Daten aus der Auftragsabwicklung, aus dem Finanzsystem, aus den verschiedensten Bereichen gebraucht, die dann mit den Daten aus dem Engineering oder der Produktion verknüpft werden können. Und der Schwerpunkt der Software von Siemens sind ja die industriellen Kernprozesse.

Ulrich Sendler: Hat Mendix bevorzugte Anwendungsfelder für den Bau von Templates?

Raffaello Lepratti: Eigentlich nicht. Der Einsatz von Low-Code ist nicht auf irgendein Gebiet beschränkt. Die Möglichkeit, Daten aus einem System durch das Ziehen eines Grafiksymbols per Drag & Drop verfügbar zu machen, macht es generell interessant. Und solche Aufgaben gibt es insbesondere in der Industrie zuhauf, weil hier so viele Standardsoftwaresysteme in den einzelnen Bereichen im Einsatz sind. Wir unterscheiden nach zwei Arten von Anwendungen: prozessspezifische und werkerbezogene. Prozessspezifisch ist zum Beispiel eine App, mit der die Daten einer Schablone für einen Lötvorgang auf die Dringlichkeit einer Wartung überprüft werden. Werkerbezogen wäre eine App, mit der ein für einen Freigabeprozess Verantwortlicher auf alle Daten aus diversen Systemen zugreift, die er für die Freigabe benötigt.

Aber wenn Sie fragen, was derzeit hauptsächlich nachgefragt wird, dann ist das in der Industrie eindeutig die Entwicklung von Apps für die Optimierung der Produktion. Insgesamt gibt unser Mendix Ecosystem Flywheel (Bild Mendix) einen guten Überblick auf die möglichen Felder. Und jedes der genannten Elemente kann einzeln genutzt werden, und die Kunden beginnen, wo sie wollen.

Ulrich Sendler: Dehnen Mendix und Siemens den Umfang ihrer Beratungstätigkeit aus, um den Kunden zu helfen, mit Low-Code eigene Lösungen zu bauen?

Raffaello Lepratti: Wir sind global mit den Großen Plattformanbietern und den namhaften Beratungshäusern auch bezüglich Mendix auf einem guten Weg.

 Auch lokal unterstützen wir die kleineren Partner, die Siemens-Kunden betreuen, wenn sie Mendix für bestimmte Projekte einsetzen wollen. Die Partner sind dabei ebenfalls sehr aktiv im Bau von Lösungen und nehmen eine wesentliche Rolle hinsichtlich des Wachtums unseres Entwickler-Ecosystems ein. AWS etwa nutzt Mendix als Applikationsentwicklungsplattform und unsere Templates als Starter für die schnellere Implemetierung von kundenspezifischen Lösungen. Low-Code ist so vielseitig einsetzbar, dass ich hoffe, das Thema wird in noch mehr Bereichen und Unternehmen in seinem ganzen Potenzial erkannt. Gerade für die digitale Transformation der Industrie ist Low-Code viel zu wichtig, um es wie manch anderes Thema in der Vergangenheit durch unsachgemäße Angebote oder das Schüren falscher Hoffnungen zu verbrennen.