Auf der Hanover Messe 2022 waren sie nicht nur alle auf einem einzigen Stand in Halle 11, sondern auch mit einer gemeinsamen strategischen Mission unterwegs: Rittal, Eplan, Cideon und German Edge Cloud (GEC). Wenn nicht alles täuscht, deutet sich in der Friedhelm Loh Group eine Neudefinition von Automatisierung an: datengetrieben statt programmiert. (Fotos Sendler)

Auf der letzten Hannover Messe vor der Pandemie waren sie noch auf getrennten Ständen unterwegs, Rittal und die Schwesterunternehmen Eplan, Cideon und German Edge Cloud, und Praxisprojekte rund um Smart Factory und Industrie 4.0 wurden zusätzlich mit Partnern in Halle 8 gezeigt. 2022 gab es jetzt erstmals einen einzigen Stand in Halle 11 und eine gemeinsame Pressekonferenz mit einer kleinen Führung durch das Gesamtangebot. Durchgängig vernetzte Ökosysteme nennt Rittal heute das Hauptkriterium der industriellen Automatisierung.

Markus Asch, Ceo Rittal International, erklärte das Ziel des Ansatzes damit, “die oft getrennt betrachteten Welten des Maschinen- und Anlagenbaus, der Automatisierung, IIoT und IT noch enger zusammenzuführen und die gemeinsamen Potenziale für Kunden weiter zu erschließen.“

Was das im Einzelnen heißt, stellten anschließend die Geschäftsführer der einzelnen Bereiche vor. Sebastian Seitz, Geschäftsführer von Eplan und Cideon, zeigte auf, wie sich mit der Eplan Engineering Plattform die Daten von Komponenten, Maschinen und Anlagen, von Schaltschrank und Software schon im Engineering standardisiert anlegen – oder aus dem Eplan Data Portal laden – lassen. „So stehen sie dann auch für Inbetriebnahme und Betrieb zur Verfügung und können dort für Analysen und Optimierungen eingesetzt werden“, so Seitz.

Uwe Scharf, Geschäftsführer Business Units und Marketing bei Rittal, belegte am Schaltschrank – das Produkt, mit dem Rittal ursprünglich groß wurde –, wie sich mit der neuen digitalen Schaltplantasche „Rittal ePocket“ über einen QR-Code auf die komplette Maschinen- und Anlagendokumentation inklusive dem jederzeit aktuellen Digitalen Zwilling in der EPLAN Cloud zugreifen lässt. Erste Tests hätten ergeben, dass Einsparungen – Nachhaltigkeit ist alles – von bis zu 70 Prozent Energie durch effiziente Hybridkühlung der neuesten Generation möglich sind.

Dieter Meuser schließlich, CEO Digital Industrial Solutions, German Edge Cloud, führte die Pressevertreter zu verschiedenen Ausführungen des Oncite Digital Production Systems, über das Rittal in seinem neuen Werk in Haiger bereits 250 Maschinen und Geräte unterschiedlicher Hersteller vernetzt hat. Das Digital Production System besteht aus zwei Hauptkomponenten:

  • Die Oncite Industrial Suite ist eine wachsende Sammlung von Anwendungen, die etwa die Low-Code-Erstellung und das Management von Apps, Visualisierung, Tracking und Analyse von Daten erlauben. Dahinter steht Managed Kubernetes as a Service von German Edge Cloud.
  • Die Oncite Factory Edge ist ein Cloud-basiertes, skalierbares System in verschiedenen Leistungsklassen, das die Orchestrierung der Industrial Suite zusammen mit anderen IT-Lösungen des Kunden erlaubt. Von der Edge-Cloud im shop-Floor bis zur Public Cloud.

Michael Corban, Chefredakteur von KEM, fragte nach der Vorführung zu Recht, ob dieses Digital Production System darauf angelegt sei, bisher in den Unternehmen genutzte MES-Systeme überflüssig zu machen. (Hierzu sein Artikel „Werden MES-Systeme durch agilere IIoT-basierte Lösungen ersetzt?“) Ersetzt werden sie sicher nicht von heute auf morgen, so die Sprecher. Aber eine schrittweise Migration zu den neueren Methoden könne man erwarten.

Man könnte die Frage noch weiter fassen: Deutet sich hier an, dass mit den neuesten Technologien ganzheitliche Lösungen denkbar werden, die mittel- bis langfristig ein grundsätzliches Neudenken der IT-Landschaften in der Industrie möglich machen? Statt unzähliger Insellösungen für einzelne Prozesse oder Prozessstränge eine eher offene Infrastruktur mit Edge und Cloud, die nicht nur größere Transparenz und Effektivität in der Produktion schafft, sondern die Anwender auch zu jener Agilität und Flexibilität befähigt, die derzeit das Tagesgespräch bestimmen?

Von links: Markus Asch, Dr. Friedhelm Loh, Sebastian Seitz, Uwe Scharf, Dieter Meuser

Auf jeden Fall muss man Dr. Friedhelm Loh bescheinigen, dass er nach dem immensen Erfolg der Standardisierung von Schaltschränken und dann von Rechenzentren offenbar wieder den richtigen Riecher hat, dass sich mit offenen Systemen auf Cloud-Basis neue zukunftsträchtige Geschäftsmodelle für die Industrie entwickeln lassen. Kein Wunder, dass er bei dem Presse-Event zufrieden lächelnd zuhörte, was seine Teams herzeigten.

Die Digitalisierung der Industrie geht in eine neue Runde. Nach der Automatisierung mit Hilfe von Spezialsoftware folgt eine zunehmend durch aktuelle Daten getriebene Automatisierung. Hier könnte das wahre Treibmittel des Internets der Dinge liegen, das seit mehr als 10 Jahren darauf wartet, greifbaren Mehrwert zu zeigen.