IBM hat im Juli 2019 für 34 Milliarden US-$ die Firma Red Hat übernommen. Einer der größten Anbieter von Hybridcloud-Technologie bietet seitdem mit dem führenden Anbieter von Open Source Software eine der zentralen Grundlagen für den technologischen Wandel, der gegenwärtig insbesondere die Industrie in der Breite erfasst: Composable Software statt monolithischer Systeme in der hybriden Multicloud.

Frank Gens, Senior Vice President und Chief Analyst bei IDC, wurde bei der Übernahme 2019 so zitiert: „IDC geht davon aus, dass Unternehmen in den nächsten fünf Jahren stark in die Cloud und in Innovationen in der Cloud investieren werden. Ein großer und zunehmender Teil dieser Investitionen wird in offene Hybrid- und Multi-Cloud-Umgebungen fließen, die es ihnen ermöglichen, Anwendungen, Daten und Arbeitslasten über verschiedene Umgebungen hinweg zu verschieben“.

Ein Gespräch mit Markus Keppeler, Automation Senior Technical Sales IBM Technology, IBM Deutschland (Foto Markus Keppeler)

Ulrich Sendler: Ich habe in der Einleitung zu meiner neuen Hintergrund-Artikelserie „Composable Software“ die Einschätzung geäußert, dass wir mit dem Einzug der Container-Technologie in die Industrie derzeit eine regelrechte Renaissance und einen Neuaufbruch der Industriesoftware erleben. Teilen Sie diese Einschätzung?

Markus Keppeler: Mit gewissen Einschränkungen. Die Technologie ist ja schon seit einer Reihe von Jahren verfügbar und in anderen Bereichen der Wirtschaft recht stark verbreitet. Für IBM ist sie schon lange der Kern unseres Angebots. Herkömmliche Software spielt inzwischen bei der Entwicklung immer weniger eine Rolle. Und auch in der Industrie ist diese Art der Softwareentwicklung schon eine Weile auf dem Vormarsch. Jedenfalls wenn wir die Großindustrie etwa im Automotive Bereich betrachten. Aber ganz allgemein in der Breite der Industrie haben Sie sicher Recht. Da sehen wir im Moment einen enormen Schub der Digitalisierung durch Container-Software.

Ulrich Sendler: Bei meinen Recherchen zu Composable Software und Container-Technologie stoße ich neben Linux und Kubernetes immer wieder auf OpenShift von Red Hat. Ist das das Bindeglied zwischen den Standards und den Cloud-Plattformen der Hyperscaler?

Markus Keppeler: Nicht das Bindeglied. Wer in der Softwareentwicklung auf Kubernetes und Linux setzt, muss vor allem das Management der Container-Cluster im Griff haben. Hier bieten die Plattformanbieter jeder ihre eigenen Tools, Services und Bibliotheken. Bei einem Wechsel der Plattform muss dann jeweils auf die entsprechenden Angebote des anderen Cloud-Anbieters gewechselt werden. Je mehr Plattformen unterstützt werden, desto größer ist der Aufwand. OpenShift von Red Hat ist die Open Source Lösung, die das Management von Containern auf allen großen Plattformen bietet. Das reduziert den Aufwand für die Entwickler enorm. Damit wird das Portieren fast so etwas wie ein Schalter-Umlegen. (Bild IBM)

Ulrich Sendler: Was hat sich durch die Übernahme von Red Hat durch IBM geändert?

Markus Keppeler: Im Wesentlichen haben die Open Source Lösungen von Red Hat damit eine riesige Vertriebsorganisation in 175 Ländern gewonnen, was natürlich die Verbreitung enorm stärkt. Und IBM ist nun noch besser in der Lage, nicht nur für die hybride Cloud, sondern auch für fast uneingeschränkte Multiclouds Lösungen zu bieten. Red Hat ist ja organisatorisch völlig selbständig geblieben, hat nach wie vor seinen Hauptsitz in Raleigh, North Carolina, und pflegt seine Marken, seine Open Source Projekte und Partnerschaften mit Amazon Web Services, Microsoft Azure, Google Cloud und Alibaba.

Ulrich Sendler: Wie sehen Sie die künftige Entwicklung bei den Anbietern großer monolithischer Systeme? Denken Sie auch, dass sie sich über APIs für die neuen Angebote öffnen müssen?

Markus Keppeler: Das ist auf jeden Fall das Mindeste. Ohne diesen Schritt werden ihre Kunden schon bald nicht mehr zufrieden sein. Das gilt für alle Anwendungsbereiche, denn wirklich überall entdeckt die Industrie jetzt basierend auf Web-Technologie neue Themen, die softwaretechnisch unterstützt werden können, wo aber Daten mit den Legacy-Systemen ausgetauscht werden müssen. Aber wir erleben darüber hinaus auch, dass etliche Anbieter solcher herkömmlichen Anwendungen sich damit nicht zufrieden geben und tatsächlich deutlich weiter gehen wollen.

Ulrich Sendler: Sie meinen die Containerisierung der Großsysteme? Dauert das denn nicht viele Jahre?

Markus Keppeler: Ja, ich meine die Zerlegung dieser Systeme in kleine Container-Apps. Das entwickelt sich gerade zu einem interessanten Geschäftsfeld für IBM. Wir helfen solchen Anbietern mit Tools und Beratung, auch mit KI-Algorithmen, um die Anforderungen besser einschätzen zu können, den Aufwand kalkulieren zu können, zu verstehen, für welche Teile die Containerisierung in welchem Zeitrahmen welchen Nutzen bringt. Und wir helfen ihnen dann auch, diese Zerlegung praktisch umzusetzen.

Ulrich Sendler: Das klingt für mich nach einer ziemlich bedeutenden Rolle, die IBM auch in dieser Frage wieder in der Industrie spielt. Warum hört man darüber so wenig?

Markus Keppeler: Wir verkaufen dabei ja keine Endprodukte der Marke IBM. IBM ist ein Technologieanbieter, dessen Plattformen, Tools und Methoden bei der Entwicklung neuer Software zum Einsatz kommen. Das führt zwangsläufig zu einem anderen Marketing und zu einer geringeren Bekanntheit unseres Angebots in der Öffentlichkeit.