Die Schweizerische Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW) hat eine aktualisierte Studie vorgelegt, die den bereits 2018 von ihr festgestellten Trend zur Deindustrialisierung in der Schweiz bestätigt. Besonders betroffen sind die KMU (bis 250 Mitarbeiter), die in der Schweiz eine ähnlich zentrale Rolle spielen wie in Deutschland. Ohne gezieltes Gegensteuern zeichnet sich eine Bedrohung des Industriestandorts Schweiz ab. Gleichzeitig liefert die Studie gute Argumente für mehr Investitionen in F&E. (Alle Grafiken mit freundlicher Genehmigung der SATW)

Am 1. Februar 2022 gab die SATW die Studie „Innovationskraftanalyse der Schweizer Industrie: eine Aktualisierung“ heraus, die man in Form einer Kurz- und Langfassung kostenlos von der Seite der Akademie herunterladen kann. Schon 2018 hatte die Akademie mit einer Studie für Aufsehen gesorgt, die einen Trend zur Deindustrialisierung feststellte. Er widersprach den damals noch eindeutig positiven Bewertungen der gesamtwirtschaftlichen Innovationskraft der Schweiz in diversen Rankings. Sie belegte sogar mehrmals in Folge den ersten Platz. Das hat sich inzwischen geändert. Die Schweiz ist etwa im Ranking des World Economic Forums (WEF) 2019 auf den fünften Platz abgerutscht. Die Studie der SATW von 2018 erweist sich also im Nachhinein als Frühwarnzeichen.

Die Anzahl der Industriebeschäftigten sinkt kontinuierlich

Der Grund für die unterschiedliche Bewertung: In den internationalen Rankings werden ganze Volkswirtschaften anhand wirtschaftlicher, finanzieller, politischer und demografischer Indikatoren verglichen; in der Studie der SATW geht es dagegen ausschließlich um die produzierende Industrie (ohne Bauwirtschaft). Deren Innovationskraft wird beispielsweise darauf untersucht, wie sich die Ausgaben in F&E entwickeln und in bahnbrechenden neuen Produkten niederschlagen.

Die Rolle der KMU in der Schweiz

2018 umfasste die produzierende Industrie in der Schweiz 660.730 Vollzeitstellen. 59,7 Prozent oder 443.731 Beschäftigte davon sind in KMU angestellt. Zum Vergleich: In Deutschland arbeiten 42 Prozent aller Industriebeschäftigten in KMU. Der KMU-Anteil an den Industriearbeitsplätzen ist in der Schweiz also noch größer als in Deutschland. Wegen der besonderen Rolle der KMU wurden die Ergebnisse der Studie nach Großunternehmen und KMU unterschieden.

Von 1997 bis 2018 verzeichnet die SATW einen kontinuierlichen Abwärtstrend bei den Zahlen sowohl der Arbeitsplätze als auch der Unternehmen. Im Mittel der Jahre 2016 bis 2018 waren allein in den KMU fast 20.000 Personen weniger beschäftigt als 2011 bis 2013. Über beide Größenordnungen nahm die Zahl der Industrieunternehmen ab, bei den KMU allerdings stärker als bei den Großunternehmen. Auch die Zahl der Arbeitsplätze war insgesamt rückläufig, allerdings deutete sich hier bei den Großunternehmen eine Trendwende an, denn im letzten Zeitraum wurden hier wieder mehr Beschäftigte gezählt.

Als Kernelement und Voraussetzung industrieller Innovation wurden die Ausgaben der Unternehmen für Forschung und Entwicklung im In- und Ausland ermittelt. Sie waren in allen untersuchten Größenklassen rückläufig, am stärksten wiederum bei den KMU.

Auf die Marktneuheiten kommt es an

Außer der Erforschung neuer Technologien und ihrer Anwendung gehören aber zu industrieller Innovation auch die Schritte zur Entwicklung neuer Produkte und ihrer erfolgreichen Vermarktung. Dabei unterscheidet die Studie nach inkrementeller Innovation mit Firmenneuheiten, also neuen Produktversionen oder -generationen, und disruptiver Innovation mit Marktneuheiten. Über alle Größenordnungen hinweg ist eine deutliche Verschiebung von Marktneuheiten zu Firmenneuheiten festzustellen. Letztere nehmen zu, während wirklich disruptive Neuheiten massiv zurückgehen.

Das ist eine erschreckende Entwicklung, denn es sind nicht einfach neue Produkte, die eine mittel- und langfristige positive Entwicklung der Industrie und damit der Wirtschaft begründen. Das ist eher ein Strohfeuer. Auf Marktneuheiten und disruptive Innovationen kommt es an. Dafür aber muss in Forschung und Entwicklung investiert werden, und hier übt sich die Industrie in der Schweiz in Zurückhaltung.

Eine breit aufgestellte KMU-Industrie

Bei Untersuchung und Analyse hat sich die SATW auf die Gliederung der Industrie in NOGA-Klassen gestützt, ein Schweizer Äquivalent zu den NACE-Klassen in Europa.

[NACE (Nomenclature statistique des activités économiques dans la Communauté européenne) ist ein System der Europäischen Union zur Klassifizierung von Wirtschaftszweigen. Dem entspricht in der Schweiz NOGA (Nomenclature Générale des Activités économiques).]

Schon die grafische Zuordnung der Unternehmen zu diesen Klassen macht deutlich, wie stark die Industrie in der Schweiz diversifiziert ist. Eine übermäßige Abhängigkeit von wenigen Branchen wie etwa in Deutschland von der Automobilindustrie ist hier nicht festzustellen. Das ist positiv, weil Schwächen einer Sparte von anderen kompensiert werden können.

Die Innovationsanalyse zeigt auch, wie stark sich Investitionen in F&E auf die wirtschaftliche Entwicklung ganzer Branchen auswirken. Denn gerade in dieser Hinsicht unterscheiden sich einzelne NOGA-Klassen sehr deutlich. Zur Darstellung dieses Zusammenhangs wurde der Aufwand für F&E ins Verhältnis zum erwirtschafteten Umsatz pro Beschäftigten setzt. Am dramatischsten hat sich in der Schweiz die Sparte Energie, Wasser/Umwelt von F&E und damit auch von wirtschaftlichem Erfolg verabschiedet.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass gezielte öffentliche Förderung von disruptiven Innovationen den Trend in der Industrie brechen könnten. Insbesondere die KMU, die am stärksten betroffen sind, deren Ressourcen tatsächlich sehr begrenzt sind, scheinen dringend auf einen solchen Anschub angewiesen zu sein.

Ich suche vergeblich nach vergleichbaren Untersuchungen in Deutschland. Und bezüglich der Schweiz wie Deutschlands interessiert mich besonders, wie Industrie und insbesondere KMU zur Digitalisierung stehen und welche Investitionsbereitschaft es gerade in diesem vermutlich entscheidenden Punkt gibt.